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| Welches sind
die wichtigsten Lebensthemen? Glück ist wohl eines (daher gibt es
das Glücksarchiv), Liebe ist wohl ein anderes wichtiges,
und daher gibt es neu die Webseite liebewohl.de:
Alles zu den Themen Liebe, gelingende Partnerschaft, sich verlieben,
Krisen bewältigen, sich trennen, Single sein. |
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Rede zum Thema "Glück".
Gehalten am 22. April 2005 zur Feier der Diplomübergabe des
Kurses 55 (DN II Krankenpflege) am Zentrum für Gesundheit in
Frauenfeld, Kanton Thurgau, Schweiz.
Redner: Colin Allan. Lehrbeauftragter Rechtskunde am
BfG, Frauenfeld.
Liebe Diplomandinnen, liebe Diplomanden (Sie sind nachher
immer mitgemeint), sehr verehrte Anwesende: Heute geht also beim
Kurs 55 letztmals die Post ab.
Ein gelbes Postauto war immer ihr Klassensymbol. Den
Post-Kurs 55 gibt es tatsächlich. Er fährt täglich um 16.35
Uhr beim Bahnhof Brugg ab und kommt um 16.46 Uhr am Dorfplatz
von Scherz an, ebenfalls eine Gemeinde im Kanton Aargau. Von
Brugg auf 352 Metern nach Scherz auf 408 Metern über Meer
gelegen, überwindet der Bus damit 56 Höhenmeter, oder rund 5
Höhenmeter pro Minute, im Vergleich mit dem Spitallift also
eine richtige Schnecke.
Gewissermaßen als letzter Postillon habe ich mir heute
erlaubt, mein Dienstfahrzeug in den passenden Farben direkt in
die Aula zu fahren und Ihnen meine Glücks-Post anzuliefern. Das
schöne Paket enthält GLÜCK. Ich habe mir nämlich
vorgestellt, dass der heutige Tag für uns alle ein besonders
glücklicher sein wird.
Heute würde sich bei strahlendem Sonnenschein ein
Hochgefühl einstellen und sicherlich würde auch ich Sie zum
Erreichen des Dorfplatzes von Scherz beglückwünschen. Deshalb
soll heute vom Glück die Rede sein.
Was meinen wir, wen wir einander beglückwünschen, oder wenn
wir sagen, wir seien glücklich? Was ist überhaupt das Wesen
des Glücks?
Eine von Gottfried Kellers berühmten Erzählungen über die
Leute von Seldwyla heißt "Der Schmied seines
Glücks". Halten Sie sich für Ihres Glückes Schmiedinnen
und Schmiede? Hätten Sie demnach Ihr Schicksal und Wohlergehen
in der eigenen Hand und wären selber für Ihr Glück
verantwortlich? Man sagte ja: einer mache oder versuche sein
Glück.
Oder neigen Sie eher der Meinung von Friedrich von Schiller
zu, der es in seinem großartigen Gedicht "Das Glück"
so prägnant und ganz anders herausgearbeitet hat? Schiller
bezeichnet das Glück dort als
- erhabenes Los,
- schon vor der Geburt von den Göttern zugeteilt,
- ein verdienstloses Geschenk.
Er glaubt nicht an die eigene Schmiedekunst des Menschen.
Keller oder Schiller? Jeder ist seines eigenen Glückes
Schmied oder alles Zufall/"Schwein"?
Reden wir nicht vom "Glück des Tüchtigen"?
Glück als Sammelbegriff für unsere urschweizerischen Tugenden:
- Tüchtigkeit,
- Klugheit,
- Fleiß und Beharrlichkeit.
Erinnern Sie sich noch, liebe Diplomandinnen, wie sie am
Bahnhof in Brugg in den Bus eingestiegen sind vor 3 ½ Jahren?
Wie Sie sich vorstellten, bequem und schnell auf den Dorfplatz
von Scherz hinaufzugelangen? Und dann die Ernüchterung: Ein
alter Bus, einen Chauffeur bloß für Teilstrecken, Fahrlehrer
eher, nach und nach lernen sie selber zu lenken, nicht
irgendwohin, nein nach Scherz müssen Sie fahren, der Kurs 55
ist vorgegeben. Im Schneckentempo, 5 Höhenmeter pro Minute,
manchmal allein, manchmal mit vereinten Kräften, immer
beharrlich, tüchtig, klug und fleißig. Und jetzt kommen Sie
hier an, auf dem Dorfplatz von Scherz, verschwitzt, erschöpft,
abgekämpft; und das selbstgeschmiedete Glück winkt Ihnen
entgegen, Ihnen, den Tüchtigen, Braven und Gottgefälligen, als
verdienter Lohn für die jahrelange Lernerei. Das Diplom ist im
Kasten! Glück der Tüchtigen eben.
Aber was antworten Sie dem Propheten Jeremias, der schon vor
vielen tausend Jahren fragte: "Warum haben Menschen, die
Gesetze missachten immer Erfolg? Warum haben die gottlosen
Glück in ihrem Leben?"
Hat Schiller doch recht? Alles göttliche Willkür,
unverdienter Zufall also? Versuchen wir einen anderen Zugang:
Kennen Sie Hans? Hans im Glück? Eine sonderbare Geschichte.
Hans arbeitet 7 Jahr lang bei einem Meister und verlangt dann
seinen Lohn. Der Meister ist sehr zufrieden und überreicht ihm
einen Klumpen Gold, so groß wie Hansens Kopf. Im Verlaufe des
Tages wird aus dem Gold durch Tauschhändel ein Pferd, dann eine
Kuh, später ein Schwein, alsdann eine Gans und schließlich ein
Wetzstein. Dieser fällt Hans zu guter Letzt in einen Brunnen.
Wie reagiert Hans, nachdem er in weniger als einem Tag sieben
Jahreseinkommen vernichtet hat, zu heutigen Werten als
Pflegefachmann immerhin ein paar hunderttausend Fränkli. Als
der Wetzstein in den Brunnen gefallen ist, dankt Hans Gott, dass
er ihn davon befreit hat. "So glücklich wie ich",
ruft er, "gibt es keinen Menschen unter der Sonne."
Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort,
bis er daheim bei seiner Mutter war.
Objektiv ist Hans ein Tor, ein Idiot, er verliert durch
eigenes Tun, offensichtliche Dummheit in einem Tag
Vermögenswerte, für die er 7 Jahr lang gearbeitet hat.
Subjektiv indessen fühlt er sich glücklich, und zwar bei jedem
Tauschvorgang, immer ist er zunächst hochzufrieden und kann
sein Glück nicht fassen. Zum Schluss meint er gar, er sei der
glücklichste Mensch auf dem ganzen Erdball.
Mit "Hans im Glück" sind wir übrigens
hochaktuell. Der Titel des neuesten Schweizer Bestsellers von
Julia Onken z.B. bringt ihn formelhaft auf den Punkt:
"Eigentlich ist alles schief gelaufen - mein Weg zum
Glück" (Frau Onken wird es etwas anders gemeint
haben). Die gegenwärtig meistgelesene deutsche Version von
"Hans im Glück" lautet: "Die Kunst des
stilvollen Verarmens" von Alexander von Schönburg in
wenigen Wochen schon 70'000 Mal verkauft.
Sind wir dem Glück langsam auf der Spur? Der deutsche
Ausdruck "Glück" ist eben mehrdeutig. In einem
deutsch-englischen Wörterbuch wird dies sichtbar: Da finden Sie
einmal den Begriff luck, dann aber auch den Begriff happiness.
Ist Hans oder Englisch John nun lucky oder happy? Lucky John
oder Happy John? Hans ist happy, d.h. er ist glücklich, er
fühlt sich glücklich.
Wäre er lucky, wäre er bloß von einer Laune des Zufalls
begünstigt worden, z.B. mit einem Lotto Sechser oder sei es
bloß beim Anstehen im Coop, wenn er etwas schneller an der
Kasse ist als die Nebenleute in den Nachbarschlangen.
Happiness ist also das innere Glück, ein seelischer,
emotionaler Zustand. Luck dagegen steht für äußeres,
zufälliges Glück. Wo wir das Gewicht legen beim Glück
wünschen, erleben Sie bei fast jeder Geburtstagsparty: Happy
Birthday tönt es da! Kein Mensch käme auf die Idee, zu singen
Lucky Birthday. Wenn wir "Zum Geburtstag viel Glück"
singen, wünschen wir den Jubilaren also inneres Glück,
Glückseligkeit, d.h. Zufriedenheit, angenehmes, gelingendes
Leben, Lebensqualität, Freude, Lust, Spaß, kurz:
subjektives Wohlbefinden, wie es Hans bei jedem Tausch erlebt,
vor allem aber am Schluss der Geschichte, als er von allen
materiellen Lasten befreit ist. Wahres Glück, das lernen wir
bei Hans, ist abhängig von einer inneren Einstellung zum Leben,
von Ihrem Denken, und keineswegs von Äußerlichkeiten, z.B.
möglichst viel Geld, Essen, teuren Ferien, modischen Kleidern,
großen Autos und Häusern, denen wir ja mehr oder weniger
kollektiv hinterher rennen.
"Geld allein macht eben nicht glücklich!" hört
man oft. Das Stimmt. Allerdings meint man damit immer das Geld
der anderen. Von Geld allein wird man aber auch nicht
unglücklich, oder? Jean-Jaques Rousseau ist da ganz ehrlich,
wenn er sagt: "Glück besteht aus einem hübschen
Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen
Verdauung."
Die Ausgangsfrage Keller oder Schiller erweist sich
möglicherweise als falsch gestellt. Kellers Held findet am
Schluss der Novelle nämlich letztlich inneres Glück,
Erfüllung, Lebenssinn, wenn sie so wollen, Schiller hingegen
spricht von etwas ganz anderem, dem äußeren, eben zufälligen
Glück. Das äußere Glück versucht auch Kellers Held
vergeblich zu erzwingen, er, der Schmied seines Glücks mit dem
vielsagenden Namen Hans Kabis.
Sie entsteigen also heute dem Bus auf dem Dorfplatz von
Scherz: freudestrahlend, erschöpft, glücklich. Warum? Sie sind
eben heute auf einem anderen Niveau angelangt, nicht mehr in der
Talsohle von Brugg, wo Sie vor 3 ½ Jahren in den Kurs 55
eingestiegen sind. 5 Höhenmeter pro Minute, geistig! In
unzähligen Stunden haben Sie ihren Kopf hier geschult in
Anatomie, Physiologie, Molekularbiologie, Pathologie, in vielen
mir unerklärlichen und geheimnisvollen Konzepten, sogar in
Jurisprudenz, haben sich neue Erkenntnisse angeeignet und
Fertigkeiten.
Und schließlich haben Sie in knochenharten Prüfungen,
dieses neue geistige Niveau unter Beweis gestellt. Ich behaupte:
eben gerade diese vielen neuen Denkprozesse, die sind es, die
innerlich glücklich machen. Diese geistigen Mühen, diese
Anstrengung beim Lernen, das erfüllt Sie mit Befriedigung, mit
Zufriedenheit, mit Stolz und mit Lebenssinn.
Dieses innere Glücksgefühl haben Sie aus Ihren ureigensten
Anlagen heraus selber geschaffen. Und zwar liegt das Glück
nicht allein in den vielen neuen Erkenntnissen selbst, sonder
gerade in ihrem Erwerb. Ich sage, inneres Glück ist nicht bloß
lernbar, sondern es entsteht überhaupt erst beim Lernen.
Goethe, Schillers Freund in Weimar sagt es einmal so:
"Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der
Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden
will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die
Fähigkeit wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig
ausgeübt sein." Und vielleicht gibt es eben dann doch auch
noch die Verbindung zwischen dem inneren und dem äußeren
Glück:
Schauen sie sich einmal um im Saal hier, liebe
Diplomandinnen, funktioniert es nicht schon hier drin? Inneres
Glück ist ansteckend, ihre Angehörigen hier sind auch
glücklich und überdies sehen sie mit Ihnen den materiellen
Freuden entgegen, einer Arbeitsstelle dank solider
Berufausbildung. Zu innerem, gesellt sich also bald auch
äußeres Glück, das rousseausche "hübsche
Bankkonto" eben.
Versuchen Sie, liebe Diplomandinnen, auch in Ihrem weiteren
Leben von heute ab an geistigem Niveau zu gewinnen, täglich
etwas Neues zu lernen. 5 Höhenmeter pro Minute sind eine
völlig ausreichende Geschwindigkeit. Sie werden dabei, wie an
allen bisherigen Tagen, an denen Sie nachgedacht, etwas gelernt
haben, erfahren, dass Sie bei diesem Geistestraining dauerhaft
glückliche, sinnerfüllte und immer gelassenere Menschen
werden.
Die Geschenke hier im gelben Paket, lauter Juwelen aus dem
20. Jahrhundert, sollen Sie zu weiterem Denken motivieren.
Morgen ist Weltbuchtag. Kein Buch ist übrigens identisch,
sollten Sie es schon gelesen haben, brauchen Sie nur mit jemand
anders zu tauschen.
Für die Zukunft wünsche ich Ihnen in diesem Sinne viel
Glück und bedanke mich nochmals für die Einladung und Ihre
Ausdauer beim Zuhören. Leider hatte ich keine Zeit, eine
kürzere Glücksrede zu schreiben.
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