Lebensregeln von Max Ehrmann - Desiderata
Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast dieser Zeit und
denke daran, dass wahrer Friede nur in der Stille zu suchen und
zu finden ist.
Versuche, soweit es dir möglich ist, ohne dich selbst
aufzugeben, mit allen Menschen auf gutem Fuß zu stehen, das
heißt: auszukommen.
Wo immer es nötig ist, sage ruhig und besonnen die Wahrheit,
und sei dir dabei stets bewusst, dass diese auch schmerzen kann.
Höre die Weltweisen, aber höre auch die anderen an, selbst
wenn sie dir unwissend und dumm erscheinen, denn auch sie haben
ihre Geschichte und an ihrem Schicksal zu tragen.
Meide die lauten und streitsüchtigen Menschen, denn sie sind
eine Qual für den Geist.
Wenn du dich mit anderen vergleichst, werde nicht hochmütig
und überheblich oder fühle dich nicht zu gering. Wisse: Es
wird immer Menschen geben, die besser, vielleicht auch
bedeutender oder geringer sind als du. Freue dich an dem bisher
Erreichten und deinen Plänen, die dich beflügeln.
Sei eifrig in deinem Beruf und sorge, dass er dir Freude
macht und Zufriedenheit in dir schafft, wie bescheiden er auch
immer sein mag, er ist ein echter Besitz im Wechsel der Zeiten.
In geschäftlichen Dingen sei vorsichtig; denn überall
lauern Betrüger, die dich schädigen wollen. Das soll dich
jedoch nicht blind machen für das Gute und Schöne und was dir
sonst noch an Anstand begegnet. Suche deinen Vorteil und nutze
ihn, aber nicht zum Schaden anderer.
Viele Menschen streben nach hohen Idealen, und überall gibt
es gute Menschen und Helden. Sei du selbst! Bleibe dir selber
treu, was auch immer geschehen mag, Und - was immer du bist,
bleibe stets bescheiden.
Heuchle nie Gefühle vor, wo sie nicht vorhanden. Du schadest
dir damit selbst und vor allem verletzt du andere.
Denke nie verächtlich über die Liebe, denn sie ist etwas
Heiliges, und wo immer sie sich wieder regt, behandle sie als
etwas Kostbares.
Sie erfährt soviel Entzauberung, erlebt soviel Enttäuschung
und erträgt manche Dürre. Dennoch wächst sie immer wieder neu
wie frisches Gras, sie ist voll Ausdauer und Langmut.
Ertrage mit freundlicher Gelassenheit den Rat der Älteren,
besonders wenn sie dir nahe stehen. Gib die Jugendjahre mit
Anmut zurück, wenn sie vorüber sind.
Stärke die Kraft deines Geistes, damit sie dir beisteht,
wenn plötzliches Unheil über dich kommt.
Überfordere dich nicht mit Wunschträumen, bleibe
realistisch und schau auf das, was im Augenblick nötig und
möglich ist. Denn viele Ängste kommen aus falschen Erwartungen
und Vorstellungen. Sie machen dich an Leib und Seele kaputt und
nähren deinen Verdruss.
Bei aller Übung von Selbstdisziplin sei freundlich zu dir
selbst. Du bist ein Kind der Schöpfung, ebenso wie Sonne, Mond
und Sterne sowie Bäume und Sträucher, Berge, Hügel und
Täler, Wind, Wasser und Feuer ein Teil dieser sind.
Du hast ein Recht, hier zu sein. Du brauchst dich nicht zu
rechtfertigen, Gott hat dich gewollt; Er liebt dich und will,
dass du glücklich bist. Und wenn du dich auch selbst und deine
Umwelt nicht verstehst, so entfaltet sich doch die Welt nach
Gottes Plan. Er hält und trägt dich.
So lebe denn in Frieden mit Gott, was du auch immer für eine
Vorstellung von ihm hast. Was auch immer dein Streben und Sehnen
ist, bewahre dir den Frieden mit deiner Seele, also den Frieden
mit dir selbst und deinen Mitmenschen. Dann wird in dir die
Erkenntnis wachsen, dass die Welt bei aller Mühe und Last, bei
aller Plage und zerronnenen Träumen, dennoch eine schöne ist,
auf der zu leben sich lohnt.
Greife nicht nach den Sternen. Strebe behutsam danach,
zufrieden und glücklich zu sein. |