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| Welches sind
die wichtigsten Lebensthemen? Glück ist wohl eines (daher gibt es
das Glücksarchiv), Liebe ist wohl ein anderes wichtiges,
und daher gibt es neu die Webseite liebewohl.de:
Alles zu den Themen Liebe, gelingende Partnerschaft, sich verlieben,
Krisen bewältigen, sich trennen, Single sein. |
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Wer war die Glücklichste? Ein Märchen von Hans Christian
Andersen
"Welch schöne Rosen!" sagte der Sonnenschein.
"Und jede Knospe wird sich entfalten und ebenso schön
werden. Das sind meine Kinder! Meine Küsse haben sie
belebt."
"Meine Kinder sind es", sagte der Tau; "ich
habe sie mit meinen Tränen gesäugt."
"Ich sollte doch meinen, dass ich ihre Mutter sei",
sagte die Rosenhecke; "ihr andern seid nur Gevattern, die
nach Vermögen und gutem Willen ein Patengeschenk gaben."
"Meine lieblichen Rosenkinder!" sagten sie alle
drei und wünschten jeder Blume das schönste Glück; aber eine
nur konnte die Glücklichste, eine musste die am wenigsten
Glückliche werden - aber welche von ihnen!
"Das will ich schon zu wissen bekommen", sagte der
Wind; "ich jage weit umher, dränge mich in die engste
Ritze und weiß außen und innen Bescheid."
Jede der aufgeblühten Rosen hörte, was gesagt wurde, jede
schwellende Knospe vernahm es.
Da kam eine tiefbetrübte liebevolle, in Trauerkleider
gehüllte Mutter in den Garten; sie pflückte eine von den
Rosen, die halb erblüht, frisch und voll war und welche ihr die
schönste von allen zu sein schien. Sie trug die Blume in die
stille, schweigsame Kammer, wo vor wenigen Tagen noch die junge,
lebensfrohe Tochter sich bewegte, welche jetzt, einem
schlafenden Marmorbilde gleich, in dem schwarzen Sarge lag. Die
Mutter küsste die Tote, küsste darauf die halberblühte Rose
und legte diese auf die Brust des jungen Mädchens, als ob sie
durch ihre Frische und den Kuss der Mutter ihr Herz wieder
schlagen machen könnte.
Die Rose schien zu schwellen; jedes Blatt bebte in freudigen
Gedanken. "Welch ein Weg der Liebe ist mir vergönnt! Ich
werden wie ein Menschenkind, ich bekommen einen Mutterkuss, ich
empfange ein Segenswort, und ich gehe mit in das unbekannte
Reich, träumend an der Brust der Toten! Gewiss, ich wurde die
Glücklichste von allen meinen Schwestern!"
In den Garten, in welchem der Rosenbusch stand, ging auch die
alte Gärtnerin. Auch sie betrachtete die Herrlichkeit des
Rosenstrauches, und ihr Auge haftete auf der größten voll
erblühten Rose. Ein Tautropfen und ein warmer Tag - und die
Blätter würden fallen. Das sah die Frau und fand, dass die
Rose, welche den Gipfel ihrer Schönheit erreicht habe, auch
Nutzen bringen müsse. Sie pflückte sie also und legte sie
zwischen ein Zeitungsblatt, um sie mit nach Hause zu andern
entblätterten Rosen zu nehmen, um Potpourri davon zu machen, in
Gesellschaft mit den kleinen blauen Burschen, die man Lavendel
nennt, und sie mit Salz einzubalsamieren. Balsamiert, das werden
nur Rosen und Könige.
"Ich werde am höchsten geehrt!" sagte die Rose,
als die Gärtnerin sie pflückte. "Ich werde die
Glücklichste! Ich werde balsamiert werden."
Zwei junge Männer traten in den Garten, der eine war ein
Maler, der andere ein Dichter. Jeder pflückte eine Rose, schön
anzusehen.
Und der Maler gab der Leinwand ein Bild der blühenden Rose,
so treu, dass diese sich im Spiegel zu sehen glaubte.
"So", sagte der Maler, "soll sie viele
Menschalter leben, während Millionen und abermals Millionen
Rosen welken und sterben."
"Ich bin die Begünstigste", sagte die Rose;
"ich gewann des größte Glück!"
Der Dichter betrachtete seine Rose, schrieb ein Gedicht von
ihr, eine ganze Mysterie, alles, was er von jedem einzelnen
Blatt der Rose las: "Das Bilderbuch der Liebe"; es war
eine unsterbliche Dichtung.
"Mit ihr bin ich unsterblich", sagte die Rose.
"Ich bin die Glücklichste!"
Unter all der Pracht von Rosen war noch eine, welche fast vor
den andern verborgen saß. Zufällig - zum Glück vielleicht -
hatte sie ein Gebrechen; sie saß schief auf dem Stengel, und
die Blätter der einen Seite entsprachen denen der andern nicht,
ja, mitten aus der Blume heraus wuchs sogar ein kleines,
verkrüppeltes grünes Blatt. Das kommt wohl zuweilen bei Rosen
vor.
"Armes Kind", sagte der Wind und küsste ihre
Wange. Die Rose glaubte, da sei ein Gruß, ein Liebesgruß; sie
hatte ein Bewusstsein davon, dass sie etwas anders geschaffen
sei als die andern Rosen und dass ein grünes Blatt mitten aus
ihrem Innern herauswachse, und sie betrachtete das als eine
Auszeichnung. Ein Schmetterling flatterte auf ihre Blätter
herab und küsste sie: das war ein Freier; sie ließ ihn wieder
fliegen. Dann kam ein gewaltig großer Grashüpfer; der setzte
sich richtig genug auf eine andere Rose und rieb verliebt sein
Schienbein (das ist bei den Grashüpfern ein Liebeszeichen); die
Rose, auf welcher er saß, verstand es nicht, aber die Rose mit
dem auszeichnenden grünen Blatte in ihrer Mitte verstand es,
denn der Grashüpfer betrachtete sie mit Augen, welche sagten:
"Ich könnte dich vor Liebe fressen!" Und weiter kann
die Liebe doch nicht gehen: einer geht in dem andern auf! Aber
die Rose wollte nicht in dem Springinsfeld aufgehen. Die
Nachtigall sang in der sternenklaren Nacht.
"Die singt für mich allein!" sagte die Rose mit
dem Gebrechen oder der Auszeichnung. Weshalb soll ich vor allen
meinen Schwestern so ausgezeichnet werden, weshalb ward mir
diese Auszeichnung, welche mich zu der Glücklichsten
macht?"
Da kamen zwei Herren, welche eine Zigarre rauchten, die
sprachen von Rosen und von Tabak. Rosen sollen den Tabaksrauch
nicht vertragen können, sie sollen die Farbe verändern und
grün werden. Die Herren wollten das versuchen. Sie mochten
keine von den prächtigsten Rosen nehmen, sie nahmen die Rose,
welche das Gebrechen hatte.
"Welche neue Auszeichnung!" rief diese. "Ich
bin über alle Maßen glücklich, die Allerglücklichste!"
Und sie ward grün in Bewusstsein und Tabaksrauch.
Eine Rose, halb noch Knospe, die Schönste vielleicht am
ganzen Rosenbusche, erhielt den Ehrenplatz in des Gärtners
kunstvoll gebundenem Bouquet, welches dem jungen gebietenden
Herrn des Hauses gebracht wurde und mit ihm im Wagen fuhr. Sie
saß als schönste Blume inmitten andrer Blumen und schönem
Grün, sie kam zu einem glänzenden Feste, da saßen Männer und
Frauen so prächtig beleuchtet von Tausenden von Lampen, die
Musik erklang, es war im Lichtmeere des Theaters; und als unter
stürmischem Jubel die gefeierte junge Tänzerin hervor auf die
Bühne schwebe, flog Bouquet auf Bouquet wie ein Blumenregen zu
ihren Füßen nieder. Da fiel das Bouquet, in welchem die
schöne Rose, gleich einem Edelsteine, saß, sie fühlte ganz
ihr namenloses Glück, die Ehre, den Glanz, in welchem sie
hineinschwebte, und indem sie den Boden berührte, tanzte sie
mit, sie sprang, fuhr über die Bretter hin und brach im Fallen
von ihrem Stengel. Sie kam nicht in die Hände der Huldin, sie
rollte hinter die Kulissen, ein Maschinist nahm sie auf, sah,
wie schön sie war, sie lieblich sie duftete, aber sie hatte
keinen Stengel. Er steckte sie in seine Tasche, und als er
abends nach Hause kam, erhielt sie einen Platz in einem
Schnapsglase und lag in demselben die ganze Nacht im Wasser.
Frühmorgens wurde sie vor Großmutter hingestellt, welche alt
und kraftlos im Lehnstuhle saß, sie betrachtete die geknickte
schöne Rose und freute sich über sie und ihren Duft.
"Ja, du kommst nicht auf den Tisch des reichen feinen
Fräuleins, sondern zu der armen alten Frau; aber hier bist du
wie ein ganzer Rosenstrauch, wie schön bist du!"
Und mit kindlicher Freude blickte sie auf die Blume und
gedachte wohl auch ihrer eigenen längst entschwundenen frischen
Jugendzeit.
"Da war ein Loch in der Fensterscheibe", sagte der
Wind, "ich konnte leicht hineinkommen und sah die
jugendlich strahlenden Augen der alten Frau und die geknickte
schöne Rose in dem Schnapsglase. Die Glücklichste von allen!
Ich weiß das! Ich kann das erzählen!"
Jede Rose von dem Rosenstrauche des Gartens hatte ihre
Geschichte. Jede Rose glaubte und dachte, die Glücklichste zu
sein, und der Glaube macht selig. Aber die letzte Rose an dem
Strauche war doch die Allerglücklichste, wie sie meinte.
"Ich überlebte sie alle! Ich bin die Letzte, die
Einzige, Mutters liebstes Kind!"
"Und ich bin ihre Mutter", sage die Rosenhecke.
"Das bin ich", sagte der Sonnenschein.
"Und ich", sagten Wind und Wetter.
"Jeder hat teil an ihr!" sagte der Wind. "Und
jeder soll einen Teil von ihr haben"; und damit streute der
Wind ihre Blätter hin über die Hecke, auf welcher die
Tautropfen lagen und auf welche die Sonne schien. - "Auch
ich bekam mein Teil", sagte der Wind, "ich bekam die
Gesichte aller Rosen, die ich nun der ganzen Welt erzählen
will. Sage mir nun, welche war die Glücklichste von allen? Ja,
das musst du sagen, ich habe genug gesagt!"
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