Glücksarchiv

Pädagogik und Glück

In der Schulpädagogik gibt es seit einigen Jahren Aktivitäten, Schülerinnen und Schülern das Thema "Glück" näherzubringen.

In Deutschland startete 2007 an Schulen in Heidelberg und Aachen unabhängig voneinander der Unterricht zu diesem Thema.

Der damalige Heidelberger Schuldirektor Ernst Fritz-Schubert entwickelte an der Willy-Hellpach-Schule das Schulfach "Glück", in dem er zusammen mit anderen Lehrern sowie externen Mitarbeitern Grundlagen des Glücks vermittelt. Wie er bei der Schulfachentwicklung vorging und was er damit bezweckt, hat er u.a. in den Büchern "Schulfach Glück" und "Glück kann man lernen" festgehalten. Viele der folgenden Informationen stammen auch aus diesen Büchern.

Fritz-Schuberts Anstoß zur Entwicklung des Schulfachs "Glück" kam vom "Wellington-College", einer Privatschule in England, in der Religionslehrer 14 bis 16 Jährige ein Mal pro Woche in den Schwerpunktthemen Selbstwahrnehmung, Persönlichkeitsförderung sowie Beziehung zu anderen Menschen, Umwelt und Technologie unterrichteten. Eingesetzt wurden Atem- und Entspannungsübungen, Phantasiereisen, Rollenspiele und Wahrnehmungsübungen. Das Lernziel des Unterrichts war: "Wohlbefinden ist erreichbar und erlernbar".

Zeitgleich (Februar 2007) und unabhängig davon entwickelte die Aachener Lehrerin Anne Katrin Voss ein einjähriges Curriculum unter dem Titel "GlücklichSEIN - wie geht das?" Auch hier war Ian Morris vom Wellington College einer der Ideengeber. In zwei Halbjahren werden Methoden, Tipps und Ideen angeboten, die auf der aktuellen Glücksforschung basierend einen gelingenden Umgang mit sich selber (1. Halbjahr: ICH-ICH-ICH) sowie mit anderen Menschen und der Umwelt (2. Halbjahr: ICH-DU-WIR) anbieten. Seit 2014 stellt Voss ihre Unterlagen in zwei Lehrerhandbüchern KollegInnen leicht zugänglich zur Verfügung.

Beide Ansätze sollen bei der Entwicklung des Lernstoffes einerseits Wissen zum Thema Glück vermitteln, also auf der kognitiv-rationalen Ebene bleiben, andererseits aber auch die affektive Ebene einbeziehen und Glücksgefühle "erfahrbar" machen.

Konkrete Zielgruppen in Heidelberg waren beim Start im Jahre 2007 Berufsfachschüler (nach der Hauptschule), die im Rahmen einer zweijährigen Ausbildung den mittleren Bildungsabschluss machen. Während dieser Zeit hatten sie die Möglichkeit, das Wahlfach "Glück" zu belegen. Außerdem wurde den Gymnasiasten in der Abitursklasse ein Seminarkurs "Glück" angeboten. In Aachen wurde der Unterricht ganzjährig an der Abendrealschule mit jeweils 4 Unterrichtsstunden in ersten Halbjahr und zwei Stunden im zweiten Halbjahr ganzen Klassen angeboten, die sich im vorausgehenden Halbjahr dafür meldeten.

Typische Lerneinheiten beider Kurse sind:

  • Identitätsfindung, Selbstakzeptanz, Persönlichkeit, Sinnfindung
  • Wertehierarchien, Zieldefinitionen, Haltungsziele, Stärken, Strategien und Wege zur Zielerreichung
  • Körper- und Bewegungserfahrungen (in Heidelberg z.B. durch Tae-Bo, Klettern, in Aachen durch Pilates, Yoga und Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion)
  • Ernährung und körperliches Wohlbefinden
  • Konzentrations- und Achtsamkeitsübungen. Kommunikationsübungen, Meditationsübungen, Wahrnehmungsübungen
  • Alltagsorganisation, Zeitmanagement, Umgang mit Stress, Umgang mit Geld
  • Umgangsformen miteinander, Bereicherung durch Kultur. In Aachen auch: Themenzentrierte Interaktion, Gewaltfreie Kommunikation und Lösungsfokussierung
  • Soziale Verantwortung, Hilfsbereitschaft, Selbstvergessenheit

Eingebunden sind Lehrer aus den Bereichen Deutsch, Religion, Ethik, Biologie und Sport. Unterstützt wird der Unterricht durch externe Mitarbeiter aus den Bereichen Medizin, Wissenschaft, Psychologie sowie Motivations- und Entspannungstrainer, Theaterschauspieler, Familientherapeuten sowie Theaterpädagogen.

Benotet wird der Lernerfolg durch die Bewertung von Projektdokumentationen und Präsentationen. Nicht benotet wird, ob und wie sich die teilnehmenden Schüler fühlen oder verändern.

Die Einführung des Schulfachs "Glück" wurde durch wissenschaftliche Studien begleitet, die aufzeigen sollten, ob und wie das Gelernte Auswirkungen auf die Schüler hat. Im Aachener Projekt konnten zwei Tendenzen an Hand der Klassenbücher belegt werden: zum einen waren die Gruppen in denen der Unterricht angeboten wurde stabiler, was sich in einer deutlichen Reduzierung der Abbruchquoten (Erwachsenenbildung ohne Schulpflicht) zeigte; zum anderen waren nachweislich die Abschlussnoten in diesen Semestern besser als die von Vergleichsgruppen. Darüber hinaus gaben die LehrerkollegInnen das Feedback, dass diese Gruppen sich ihnen freundlicher und kooperativer im Unterricht darstellten.

(Mitautorin: Anne Katrin Voss)


Unterrichtsmaterial